Textatelier
BLOG vom: 04.05.2005

Hirnrissige Förderung des Mobilfunks durch Spottpreise

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)

 

Der Jubel ist grenzenlos. Die Medien haben uns hier in der Schweiz den ganzen Dienstag, 3. Mai 2005, über mit dieser Meldung traktiert: „Swisscom senkt die Mobilfunkpreise“: Neben der Lancierung eines neuen Abonnements werden auch die Preise für Anrufe aufs Handy gesenkt. Und weiter, laut SF DRS: „Im vergangenen Jahr 2004 ist die monatliche Gesprächsdauer eines Abo-Kunden um 7,2 Minuten auf 153,4 Minuten gesunken. Dies ist ein Minus von 4,7 %. Und auch vom Festnetz werde immer weniger lang auf Handys angerufen (-3 % im Jahr 2004).“ Offenbar sind die Leute ein bisschen gescheiter geworden. Aber dieser Fortschritt muss gleich wieder mit Füssen getreten werden.

 

Zuerst schmeisst man den Menschen die Handys förmlich gratis nach (bald einmal wird man noch draufzahlen, wenn jemand eines wünscht), um sie zum Telefon-Gequassel anzuregen, um sie abzuzocken, und wenn dann das auch nicht mehr hinreichend funktioniert, dann muss der grassierenden Telefonitis über eine Preissenkung nachgeholfen werden. Für 50 Rappen (und eine monatliche Grundgebühr von 25 CHF) kann man nun stundenlang palavern, eine grauenhafte Vorstellung für alle Leid tragenden Angerufenen, wenn man weiss, was für ein grausamer Quatsch – bei älteren Semestern hauptsächlich Krankheitsgeschichten, die Brechreize auslösen – da in aller Ausführlichkeit verbreitet wird. Man kommt sich oft wie ein Pfahl vor, an dem Hunde ihre Notdurft zu verrichten pflegen. Wobei die Hunde die Sache wenigstens in kurzer Zeit hinter sich bringen.

 

Wieso denn muss die Swisscom dafür sorgen, dass vom Festnetz aufs Mobilfunknetz umgestellt wird? Sie kann doch wohl kein Interesse daran haben, dass die Hirnschädigungen der Menschen noch mehr zunehmen (siehe Blog vom 14. April 2005: „Machen Handys wirklich schwachsinnig? Es scheint so“). Bei den zunehmenden Erkenntnissen über die Schädigungen durch die elektromagnetische Strahlung (Elektrosmog), die zunehmend deutlicher zutage treten, müsste, wenn schon, das Festnetztelefonieren gefördert werden.

 

Doch das Gegenteil ist der Fall. Und der Jubel ist ebenso wie die Gehirnschäden nicht zu bremsen – vielleicht steht beides in einem gewissen Zusammenhang: Der Swisscom-Schritt sei „längst überfällig“ gewesen, urteilte der kommerzielle Internet-Vergleichsdienst Comparis. Es sei denkbar, dass Festnetz-Kunden in Kürze für weniger als 30 Rappen pro Minute ins Mobilfunknetz telefonieren könnten, wird da gefrohlockt, als ob das ein vernünftiges Lebensziel sein könne. Zurzeit kostet ein solcher Anruf bei Swisscom und Sunrise 55 Rappen im Normaltarif und 45 Rappen im Niedertarif pro Minute. Auch die nationale Wettbewerbskommission Weko ist seit langem mit der Förderung der Telefonkrankheiten beschäftigt. Und sogar der Schweizer Preisüberwacher Rudolf Strahm ortete „Zeichen einer positiven Entwicklung“. Es sind rein rappenspalterische Überlegungen anzutreffen. Man könnte ja schliesslich auch einmal über die Antenne hinausdenken.

 

Irgendeinen kritischen Ton habe ich aus dem Informations-Mainstream bisher nicht herausfischen können. Kein Medium weist auf die verwedelten Gesundheitsgefahren durch die Mobiltelefonitis hin. Niemand sagt, dass in diesem Bereich die intelligenteste Sparmöglichkeit darin bestünde, das Handy einfach in Not- und Dringlichkeitsfällen möglichst ganz kurz einzusetzen. Niemand weist darauf hin, dass die Kids, wie der Fachausdruck für modernisierte Kinder lautet, bereits wegen des unmässigen Handygebrauchs oft stark verschuldet sind, die Bildung vernachlässigen und nicht noch durch Preissenkungen zu einer Ausdehnung des Handygebrauchs animiert werden sollten; die Folgen liest man dann wieder in den Pisa-Studien nach. Die schiefen Bildungstürme scheinen allmählich zu kippen.

 

Man könnte die Kids ja auch einmal zum Lesen anhalten und die Bücher verbilligen. Vom Verlag Textatelier.com können Jugendliche einen Spezialrabatt einfordern. Sie können mich darauf behaften. Wenn sie lesen, besteht die Gefahr, dass sie das eingesparte Geld nicht zum blödsinnigen Herumtelefonieren verwenden.

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